Tendenz: Functional Training

Das Functional Training wird in seiner jetzigen Form schon seit mehreren Jahren in den USA praktiziert. Nach Deutschland kam diese Tendenz ungefähr im Jahr 2004.

In diesem Jahr wurde Jürgen Klinsmann Nationaltrainer der deutschen Fußballnationalmannschaft. Er brachte einen ganzen amerikanischen Trainerstab mit. Einer dieser Trainer war Mark Verstegen, der schon zu dieser Zeit in den USA ein sehr bekannter Athletiktrainer war. Durch das Buch Core Performance von Mark Verstegen wurde ein erster Grundstein in Deutschland gelegt. Das Functional Training hat sich in den letzten Jahren so weit entwickelt, dass sich Fachmagazine mit der Materie beschäftigen und es sogar ein eigenes Magazin gibt, das Functional Training heißt. In verschiedenen Zeitungen liest man, dass das Training sowohl im Leistungssport als auch im Gesundheits- und Breitensport angewandt wird.  Das Functional Training wird sowohl im Personal Training als auch in den Sportspielen angewandt. Functional Training ist auch immer sehr individuell und daher perfekt anwendbar für das Personal Training.

 

Erklärung Functional Training

Im Folgenden wird versucht, Functional Training zu erklären. Anhand dieser Erklärung soll vermittelt werden, um was es genau bei dieser Form von Training geht. Zur jetzigen Zeit gibt es noch keine veröffentlichen Studien zum Thema Functional Training und Mannschaftssport. Thompson, Cobb, Myers & Blackwell (2007) untersuchen in ihrer Studie ältere Golfer; sie konnten feststellen, dass ein Functional Training Programm sich positiv auf die Leistungsfähigkeit auswirkt. Die Autoren empfehlen, weiterhin exakte Functional Training Programme zu untersuchen, um zu sehen wie diese sich auf die Leistung auswirken. Da es einen Mangel an Studien gibt, die sich direkt auf das Functional Training beziehen werden im Folgenden Core Strength und Core Stability Studien analysiert, da das Core-Training ein wesentlicher Bestandteil des Functional Trainings ist. Überdies wird auf die Bücher von Boyle (2012aund 2012b), Cook (2010 und 2011) und Verstegen & Williams (2011) zurückgegriffen. Kritisch ist zugleich anzumerken, dass diese Bücher möglicherweise nicht dem wissenschaftlichen Standard entsprechen. Trotzdem sind diese Bücher von sehr großer Tragweite, da die Autoren das Functional Training erst wieder richtig belebt und ihm eine neuere Struktur geben haben. Darüber hinaus sind die Autoren ausgewiesene Experten auf ihrem Gebiet und wissen, was die Athleten in der Praxis benötigen. Hinzu kommt, dass sie Theorie und Praxis miteinander verbinden, so dass man genau nachvollziehen kann, was zum Beispiel in Bezug auf Training funktionell ist. Übungen an Geräten gelten als nicht funktionell. Übungen, die mehrere Gelenke und dadurch mehrere Muskelgruppen betreffen, also komplexer sind, werden als funktionell beschrieben.

Viele Menschen und bekannte Trainer verbinden mit dem Functional Training ein Training mit verschiedenen Übungsgeräten, das das Ziel hat, anspruchsvolle und instabile Bedingungen zu schaffen.

TRX functional Training

Functional Training (Bild: Tom Maurer)

Mit diesem Training soll die Tiefenmuskulatur trainiert werden, die Stabilitätsfunktion hat. Hinzu kommt, dass häufig davon ausgegangen wird, dass durch den intensiven Einsatz von stabilisierenden Muskeln es zu einer Leistungsverbesserung kommt. Würde man Functional Training dementsprechend definieren, könnte man es mit dem sensomotorischen Training gleichsetzen. Boyle (2012b) weist auf diese Problematik hin und merkt an, dass das Functional Training nicht daraus besteht Übungen auf instabilen Untergründen zu absolvieren. Dies bedeutet, dass Functional Training nicht mit Training auf instabilen Oberflächen gleichzu-setzen ist. Functional Training ist zweckorientiert. Es ist ein Training der Muskeln, welches auf der Funktion des Muskels basiert. Ferner ist die funktionelle Anatomie, welche im Trainingsalltag angewendet wird, ein weiterer Teil des Functional Training. Es sollte noch angemerkt werden das Übungen mit stabilisierendem Effekt durchaus im Fokus des Functional Training stehen, da es oftmals die stabilisierenden Muskeln sind, die sich verletzen (Boyle, 2012a). Genauer betrachtet handelt es sich beim Functional Training, um eine spezielle Trainingsform, mit der versucht wird, eine Symmetrie zwischen der linken und rechten Köperseite herzustellen. Zudem soll sie das Gleichgewicht zwischen Mobilität und Stabilität fördern (Cook, 2011). Laterale und multidirektionale Bewegungen stehen beim Functional Training genauso im Fokus wie lineare. Werden diese Bewegungen mit einer exakten Technik durchgeführt können vorhandene Dysbalancen beseitigt und Verletzungen verhindert werden (Verstegen & Williams, 2011). Ein weiterer Bestandteil des Functional Trainings ist die Ausführung von Bewegungen in allen Ebenen (sagittal, frontal und transversal). Die Bewegungen sollten sich an der kinetischen Kette orientieren, so dass alle drei Ebenen beansprucht werden. Ein Beispiel hierzu ist die einbeinige Kniebeuge. Man bewegt sich zwar in der Sagittalebene, aber man muss Frontal- und Transversalebene stabilisieren, um die Bewegung technisch einwandfrei ausführen zu können (Cook, 2011).

Beim Functional Training steht auch der Core im Mittelpunkt. Verstegen & Williams (2011) gehen davon aus, dass der Core die Säule des Menschen ist. Diese Säule ist für sie das strukturelle Zentrum der Bewegung. Hinzu kommt, dass das Fundament der Bewegung aus dem Core, Hüfte und Schulterstabilität besteht. Der Core bezieht sich auf den Bereich zwischen Diaphragma und Beckenboden. Hierunter fallen alle Gelenke der Lendenwirbelsäule, der Brust und des Beckens. In dieser Region gibt es viele wichtige Muskeln, aber die wichtigsten sind M.quadratus lumborum, M.transversus abdominis und Mm.multifidii. Die anderen Rumpfmuskeln spielen auch eine wichtige Rolle, aber gerade diese drei sind die „Gewichtsgurte“ des Menschen. Sie stabilisieren den gesunden Körper immer bevor eine Bewegung stattfindet (Fenske, 2007). Für Verstegen & Williams (2011) ist die Säulenkraft elementar wichtig, da nur so ein ausgeglichener Energietransfer stattfinden kann, welcher eine Harmonie zwischen Koordination, Muskelkraft, Stabilität, Balance, Elastizität und Flexibilität herstellt. Ein Beispiel für diese Situation ist eine nicht mobile Hüfte. Die Hüfte kann die Kraft nicht kompensieren, die auf sie wirkt und leitet diese weiter an die Knie und Rücken. Dadurch kann es dann zu unspezifischen Rückenproblemen (Rückenschmerz ohne morphologischen Befund) kommen (Fenske, 2007).

Dies ist ein weiterer Ansatz im Functional Training, nämlich der Joint-by-Joint-Approach (Gelenk-für-Gelenk-Ansatz). Bei diesem Ansatz wird davon ausgegangen, dass der menschliche Körper aus vielen Gelenken besteht, die alle einzeln zu betrachten sind. Zusätzlich hat jedes Gelenk oder Gelenkgruppe eine Funktion, die entweder Stabilität oder Mobilität ist. Durch diesen Ansatz wird schnell klar, dass jedes Gelenk eine spezifische Funktion hat und dass man jedes Gelenk auch dementsprechend spezifisch trainiert (Cook & Burton, 2010). Die folgende Tabelle zeigt die wichtigsten Gelenke und deren Funktion auf.

Tabelle 7: Joint-by-Joint-Approach (Boyle, 2012b, S. 25)

Gelenk Hauptfunktion
Fuß Mobilität (sagittal)
Knie Stabilität
Hüfte Mobilität (in mehreren Ebenen)
Lendenwirbelsäule Stabilität
Brustwirbelsäule Mobilität
Schulterblatt Stabilität
Schultergelenk Mobilität

 

Boyle (2012b), Cook (2011) und Cook & Burton (2010) zeigen durch diesen Ansatz, dass zum Beispiel Knieschmerzen nicht unbedingt von Knie ausgehen müssen.

In ihrem Ansatz muss man immer ein Gelenk abwärts bzw. aufwärts suchen, um der Ursache auf den Grund zu gehen. Ist ein Gelenk zu steif, das eigentliche eine Mobilitätsaufgabe hat, wird gleichzeitig ein Gelenk, das Stabilitätsfunktion hat, gezwungen mobil zu werden. Hierdurch verliert das Gelenk seine Stabilität und es entstehen Schmerzen in dem betroffenen Gelenk.
Zudem steht beim Functional Training die Progression und die Regression im Vordergrund. Die Übungen sollen immer dann erschwert werden, wenn sie präzise absolviert werden können. Diese Progression erfolgt so lange, bis man an einen Punkt gelangt, an dem der Athlet die Übungen nicht mehr korrekt durchführen kann. Dann folgt der Schritt der Regression. Man geht so viele Schritte zurück bis der Athlet die Übungen technisch einwandfrei durchführen kann. Genauso wird auch bei Schmerzen verfahren. Verspürt ein Athleten Schmerzen, wird die Übung solange vereinfacht bis die Schmerzen weg sind. Hinzu kommt eine Analyse des Schmerzes (Boyle, 2012b).

Für die Mannschaftssportarten ist diese Betrachtungsweise eine sehr effektive. Viele Athleten in den Spielsportarten haben muskuläre Dysbalancen und Dysfunktionen in den Gelenken. Die Möglichkeiten dieses Ansatzes kann Trainer und Therapeuten helfen, diese Dysbalancen und Dysfunktionen zu beheben und die Sportler dadurch besser zu machen.

Forschungsstand Core:

Core Training

Core Training (Bild: Tom Maurer)

In den letzten Jahren lag der Fokus der Forschung hauptsächlich darauf herauszufinden, wie sich Trainingsprogramme auf den Core auswirken bzw. welche Übungen die Core Stability verbessern. Weiterhin wird nach geeigneten Tests gesucht, um feststellen zu können, ob ein Core Training tatsächlich die Leistungsfähigkeit eines Athleten verbessert. In der Theorie ist es akzeptiert, dass es eine Korrelation bzw. Wechselbeziehung zwischen Core Stability und Leistungsfähigkeit des Athleten gibt. Allerdings unterstützt die aktuelle Literatur diese Beziehung nicht. Es fehlt weiterhin an einem Goldstandard-Test oder einer entsprechenden Testbatterie (Sharrock, Cropper, Mostad, Johnson, & Malone, 2011). Willardson (2007) hat in einem Review festgestellt, dass gesunde Athleten mit freien Geräten und komplexen Übungen, die man immer wieder modifizieren soll, den Core stärkt. Er hebt hervor, dass es hierzu eine strukturierte Periodisierung geben sollte und die Übungen immer sportartspezifisch ausgeführt werden sollten. Ein kritischer Review von Lederman (2010) stellt fest, dass die Unterteilung von Core und globalen Muskeln eine reduktionistische Fantasie ist, die nur den Zweck hat, Core Stability Programme zu fördern. Er kommt zu dem Schluss, dass eine schwache Bauchmuskulatur nicht zu Rückenschmerzen führt. Weiter wird ausgeführt, dass die Anspannung der Bauchmuskulatur nicht vor Rückenschmerzen schützt oder die Anspannung verringert auch nicht das Wiederauftreten von Rückenschmerzen. Core Stability Übungen sind genauso gut wie alle anderen Übungen und schützen nicht mehr als andere Übungen vor Verletzungen.

Nesser, Huxel, Tincher & Okada (2008) zeigen in ihrer Studie, dass Core Strength ein wichtiger Teil des Trainings sein sollte, jedoch sollte der Fokus nicht allein daraufgelegt werden. Die Übungen sollten in Kombination mit den anderen wichtigen Übungen der Sportart gemacht werden.

Außerdem scheint es auch in ihrer Studie noch keinen geeigneten Test zu geben, der beweisen kann, dass das Stärken des Cores die Leistungsfähigkeit verbessert. Der McGill Core Stability Test scheint eine erste Lösung zu bieten. Dieser Test konnte bis jetzt noch keine Korrela-tion zwischen Core und Leistungsfähigkeit herstellen. Dies könnte daran liegen, dass der Test auf die Kraftausdauer ausgelegt und isometrisch ist. Das Training ist aber meistens dynamisch. Ein anderer Grund, warum es keine Korrelation gibt ist der fehlende Zusammenhang zwischen Core Strength und Leistungsfähigkeit. (Nesser et al., 2008) In einer weiteren Studie stehen ältere Menschen im Mittelpunkt. Hier kommt es zum gleichen Phänomen, wie bei anderen Studien: Gesunde Teilnehmer profitieren nicht so sehr vom Functional bzw. Core Training wie vorbelastete (hier: Rückenprobleme). Die Teilnehmer wurden sowohl mit dem quantitativen YBT-Test als auch mit dem qualitativen FMS-Test getestet (Pacheco, Teixeira, Franchini, & Takito, 2013).

Wie lässt sich nun erklären, warum die Trainingsprogramme von Boyle, Cook, Verstegen etc. so erfolgreich sind?

Dies liegt daran, dass sie den Core als Grundpfeiler ansehen, aber ihr Training ist nicht nur darauf fixiert. Sie haben viele bekannte Übungen, die früher auch schon als Functional Training oder funktionelles Krafttraining tituliert worden sind, in ein sehr striktes und kluges System integriert. Sie haben den Joint-by-Joint-Approach herangezogen und ihre Übungen hierauf abgestimmt. So entstand eine Systematik, mit dem Ziel die Stärken jedes Athleten zu optimieren und die Schwächen zu minimieren. Die Forschung hat es bis jetzt versäumt, genau diese Trainingsprogramme zu untersuchen. Hinzu kommt, dass es kaum Studien gibt, in denen Hoch-leistungssportler untersucht wurden. Ferner fehlen immer noch geeignete Test, um zu zeigen, wie sich ein Core Training oder Functional Training auf die Leistungsfähigkeit auswirkt. Der FMS-Test, YBT-Test und McGill Core-Stability-Test sind mögliche Testverfahren, die noch weiter untersucht werden müssen.

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